Gymnasiasten

Francis Kéré

Im traditionellen Afrika ist jeder Familienangehörige für die Versorgung der gesamten Familie verantwortlich. Und genauso ist jeder Angehörige einer Gemeinschaft in meiner Heimat der ganzen Gemeinschaft verpflichtet. Jeder Einzelne ist für das Überleben dieser Gemeinschaft unverzichtbar.
Wenn nun ein Mensch dieser Gemeinschaft auf der Suche nach einem besseren Leben diese verlässt, dann versucht er, seinen Ausfall durch finanzielle Hilfe auszugleichen.
Ich befinde mich in genau dieser Situation und möchte gern meinem Teil dieser sozialen Verpflichtung, dem sogenannten »Füreinander-Dasein«, nachkommen.

Der Unterschied zur üblichen Vorgehensweise liegt darin, dass ich meiner Familie und der ganzen Gemeinschaft eine Lösung bieten möchte, die über die reine finanzielle Unterstützung hinaus gehen soll.

Mit meiner Anwesenheit auf dem europäischen Kontinent habe ich im Unterschied zu den meisten aus meiner Heimat die Chance gehabt, über den eigenen Tellerrand hinaus schauen zu dürfen. Da habe ich unter anderem die Erkenntnis gewonnen, dass Schulbildung und Ausbildung die Basis für jegliche soziale, berufliche und wirtschaftliche Entwicklung sind.
Darum ist es vordringlich wichtig, eine Schule in meinem Dorf zu schaffen, zu sichern und so vielen Kindern wie möglich zugänglich zu machen.

Parallel zum Hauptziel sollten kleinere Entwicklungsprojekte, die auf eine Verbesserung der Lebensumstände im Dorf zielen, angestoßen und später von der Dorfgemeinschaft übernommen werden.

Bei allen Projekten, die durchgeführt werden, soll die Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund stehen. Ich habe nichts dagegen, dass man hungrigen Menschen eine Mahlzeit und Lebensmittelunterstützung zur Verfügung stellt. Insbesondere, wenn nach einer Naturkatastrophe eine unmittelbare Hungersnot herrscht, ist es unsere Pflicht, das Überleben der Betroffenen durch sofortige Maßnahmen zu sichern. Aber bei einer ehrlichen, nachhaltigen Entwicklungshilfe sollten langfristige Überlegungen im Vordergrund stehen. Wir dürfen nicht immer warten, bis die Katastrophe eintrifft, bevor wir handeln. Sonst wird sich das Gegenteil von dem einstellen, was wir als Entwicklungshelfer mit unseren Bemühungen erreichen wollen. Nämlich eine unauflösbare Dauerabhängigkeit. Es sei denn, das war unser Ziel. Dann sollte man allerdings von Markteroberungen sprechen statt von Entwicklungshilfe.

Im wahrsten Sinne des Wortes soll versucht werden, den Menschen das Fischen beizubringen, statt ihnen immer wieder Fische zum Essen vorzusetzen.

Deshalb lautet das Motto meines Engagements um die Entwicklung meines Dorfes:

»Schule soll Schule machen!«

Das heißt konkret: Weil Kinder einen leichteren Zugang zu neuen Dingen haben, sollen alle materiellen Neuerungen möglichst immer in der Schule eingeführt werden, so dass die Kinder ein Verhältnis zu ihnen entwickeln und später auf das ganze Dorf übertragen. Bei bestimmten Dingen wird es sehr lange dauern. Aber irgendwann, so hoffe ich, wird es eine Generation geben, die selbstverständlicher mit bestimmten Neuerungen umgeht. So eine Vorgehensweise ist meiner Meinung nach auf lange Sicht die nachhaltigere.

Die folgenden Beispiele sollen verdeutlichen, was mit dieser Vorgehensweise gemeint ist.


Lesen und Schreiben

Wenn die Schüler lesen und schreiben lernen, kommt es der ganzen Familie zu Gute.
Also auch wenn die Kinder nicht sehr weit in der Schule kommen, werden die erlernten Fähigkeiten bei der Korrespondenz mit den übrigen Familienangehörigen, die sich auf der Suche nach besseren Erwerbsmöglichkeiten in den benachbarten Ländern aufhalten, gebraucht. Schätzungsweise ein Drittel aus meinem Dorf lebt entweder in der Elfenbeinküste, in Ghana oder in den Großstädten meiner Heimat.
Laut einer wissenschaftlichen Veröffentlichung sind Kinder, deren Mütter schreiben und lesen können, gesünder als ihre Altersgenossen, deren Mütter Analphabeten sind.


Förderung der Ausbildung der Mädchen

Gelingt es einem Mädchen aus dem Dorf mittels der Schulbildung so weit zu kommen, dass sie zum Beispiel eine bezahlte Tätigkeit findet, dann ist die emanzipatorische Wirkung enorm. Solch eine Frau genießt plötzlich ein anderes Ansehen, sie kann sich selbst versorgen und bricht aus allen gesellschaftlichen Schranken, die ihr als Frau auferlegt waren. Viele Eltern aus dem Dorf werden dadurch motiviert, verstärkt ihre Mädchen einschulen zu lassen.


Gemüsegarten

Ein von den Schülern und Lehrern gut geführter Gemüsegarten schafft nicht nur eine zusätzliche Nahrungsquelle und Verantwortung. Die Schüler üben parallel zur Schulausbildung weiterhin einen Teil der wichtigsten Erwerbsmöglichkeit (Landwirtschaft und Gemüseanbau), die allen aus meinem Dorf zur Verfügung steht. Es entsteht dadurch keine Fehlentwicklung; die Kinder könnten später, wenn sie es mit der Schule nicht weit bringen, problemlos das Bauern-Dasein weiterführen. Die Schulbildung hat sie sozusagen nicht von ihren Eltern und der Landwirtschaft entfernt, das Gegenteil ist eher der Fall.
In der Schule erlernte neue oder verbesserte Anbaumethoden können dann einfacher übernommen und zu Sicherung des eigenen Lebensunterhalts eingesetzt werden.


Latrinen

Im Dorf Gando gibt es, wie in fast allen Dörfern Burkina Fasos, keine Toiletten. Die Bedürfnisse werden einfach im Freien verrichtet und werden dann in der Regenzeit in die Flüsse gespült. Das führt zu einer enormen Zunahme von Darm- und Magenerkrankungen. Daher sollen Latrinen, eine Art angepasste Toiletten, eingeführt werden.
Die Latrinen sollen ebenfalls erst in der Schule für die Schüler und die Lehrer zum Erproben und Überwachen eingeführt werden, um dann im ganzen Dorf angenommen zu werden.
Auch wenn die Alten nicht überzeugt werden, ist doch davon auszugehen, dass die Schüler, die die Vorzüge von Latrinen kennengelernt haben, diese spätestens bei der Gründung eigener Familien übernehmen werden.


Frauenkooperative

Neben den Kindern meines Dorfes liegen ihre Mütter aufgrund ihres unbeschreiblich schweren Alltages im Mittelpunkt meines Interesses.
Obwohl die Frauen in meinem Dorf die Hauptlast der Familien tragen, sind sie den Männern gegenüber benachteiligt. Vorsichtiger ausgedrückt, ohne die Frauen in Afrika ginge es dem ganzen Kontinent viel schlechter. Die Frauen sind es, die durch Ihre Mühsal und ihren Erfindungsreichtum meist das Überleben einer ganzen Sippe sichern, und darüber hinaus finanzieren sie meistens die Schulbildung ihrer Kinder.

Und genau das ist der Grund, weshalb sie von dem Verein unterstützt werden sollen.
Mit kleineren Geldsummen wird versucht, ihnen eine Erwerbsmöglichkeit zu sichern.
Allerdings wird so vorgegangen, dass größere finanzielle Unterstützungen nur gewährt werden, wenn eigene Initiativen und finanzielle Beteiligung vorliegen.
Das gilt auch für die Unterstützung der Eltern bei der Beschaffung von Schulmaterial.
Hier müssen die Eltern Verantwortung für ihren Nachwuchs zeigen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Schulbildung im Dorf bei Einstellung der Fremdunterstützung ruht. Das wäre jedoch fatal für die Entwicklung des Dorfes.


Die Jugend

Bei allen baulichen Maßnahmen wurde und wird nicht nur so vorgegangen, dass wir moderne und traditionelle Bauweisen ins Verhältnis setzen, d. h. die Bevölkerung für die Vorteile traditioneller Baumaterialien (Kosten, Transport, Raumklima ...) zu sensibilisieren und Nachteile modischer Bauweisen aus Beton zu verdeutlichen.

Auch Geld und Know-how sollen ins Verhältnis gesetzt werden, d. h. ausgeklügelte konstruktive und bauphysikalische Lösungen zu finden, die sich mit größtenteils vor Ort umsonst vorzufindenden Rohstoffen umsetzen lassen. Das Wichtigste ist, dass wir großen Wert auf Ausbildung legen. Die arbeitswilligen Jungen werden jeweils nach Möglichkeit in den angewendeten Techniken geschult (Steine herstellen, Mauern, richtiger Umgang mit modernen Baustoffen wie zum Beispiel Zement).

Diese Vorgehensweise zielt darauf, eine Erwerbsmöglichkeit für die Jugend zu schaffen. Dadurch soll die Abwanderung gestoppt werden und somit ein erheblicher Beitrag zur Sicherung der Zukunft des Dorfes geleistet werden.
Ermutigt durch die Erfahrungen der letzten Projektjahre wollen immer mehr junge Menschen sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, um sich besser am Aufbau des Dorfes zu beteiligen.


Die gesamte Dorfgemeinschaft

Es soll ein nachahmbarer Entwicklungsansatz geboten werden. So müssen die Bauten, z. B. die Lehrerwohnhäuser, einerseits technisch so vereinfacht werden und andererseits so preiswert wie möglich entwickelt, gestaltet und realisiert werden, dass die Dorfgemeinschaft in der Lage ist, die angewandten Techniken bei Bedarf auch für den Bau ihrer eigenen Wohnhäuser einzusetzen.
Hierbei wollen wir wieder lokalen und preiswerten Baumaterialien den Vorrang geben.


Nur wer an Entwicklungsprozessen beteiligt ist, kann auch die erzielten Ergebnisse entsprechend schätzen, weiterentwickeln und bewahren.

Um diese Ideen nach und nach umsetzen zu können, hat Francis Kéré mit Hilfe von Freunden den Verein »Schulbausteine für Gando e. V.« ins Leben gerufen.
Der Verein hat sich zu Aufgabe gemacht, Entwicklungshilfe für die Dorfgemeinschaft von Gando in Burkina Faso zu leisten. Insbesondere sollen die Gebiete des Bildungs-, Aufklärungs-, Gesundheits- und Ernährungswesens unterstützt werden.


Schulbausteine für Gando e.V.