
Im traditionellen Afrika ist jeder Familienangehörige für die Versorgung der gesamten Familie verantwortlich. Und genauso ist jeder Angehörige einer Gemeinschaft in meiner Heimat der ganzen Gemeinschaft verpflichtet. Jeder Einzelne ist für das Überleben dieser Gemeinschaft unverzichtbar.
Wenn nun ein Mensch dieser Gemeinschaft auf der Suche nach einem besseren Leben diese verlässt, dann versucht er, seinen Ausfall durch finanzielle Hilfe auszugleichen.
Ich befinde mich in genau dieser Situation und möchte gern meinem Teil dieser sozialen Verpflichtung, dem sogenannten »Füreinander-Dasein«, nachkommen.
Der Unterschied zur üblichen Vorgehensweise liegt darin, dass ich meiner Familie und der ganzen Gemeinschaft eine Lösung bieten möchte, die über die reine finanzielle Unterstützung hinaus gehen soll.
Mit meiner Anwesenheit auf dem europäischen Kontinent
habe ich im Unterschied zu den meisten aus meiner Heimat die
Chance gehabt, über den eigenen Tellerrand hinaus schauen
zu dürfen. Da habe ich unter anderem die Erkenntnis gewonnen,
dass Schulbildung und Ausbildung die Basis für jegliche
soziale, berufliche und wirtschaftliche Entwicklung sind.
Darum ist es vordringlich wichtig, eine Schule in meinem Dorf
zu schaffen, zu sichern und so vielen Kindern wie möglich
zugänglich zu machen.
Parallel zum Hauptziel sollten kleinere Entwicklungsprojekte, die auf eine Verbesserung der Lebensumstände im Dorf zielen, angestoßen und später von der Dorfgemeinschaft übernommen werden.
Bei allen Projekten, die durchgeführt werden, soll die Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund stehen. Ich habe nichts dagegen, dass man hungrigen Menschen eine Mahlzeit und Lebensmittelunterstützung zur Verfügung stellt. Insbesondere, wenn nach einer Naturkatastrophe eine unmittelbare Hungersnot herrscht, ist es unsere Pflicht, das Überleben der Betroffenen durch sofortige Maßnahmen zu sichern. Aber bei einer ehrlichen, nachhaltigen Entwicklungshilfe sollten langfristige Überlegungen im Vordergrund stehen. Wir dürfen nicht immer warten, bis die Katastrophe eintrifft, bevor wir handeln. Sonst wird sich das Gegenteil von dem einstellen, was wir als Entwicklungshelfer mit unseren Bemühungen erreichen wollen. Nämlich eine unauflösbare Dauerabhängigkeit. Es sei denn, das war unser Ziel. Dann sollte man allerdings von Markteroberungen sprechen statt von Entwicklungshilfe.
Im wahrsten Sinne des Wortes soll versucht werden, den Menschen das Fischen beizubringen, statt ihnen immer wieder Fische zum Essen vorzusetzen.
Deshalb lautet das Motto meines Engagements um die Entwicklung
meines Dorfes:
»Schule soll Schule machen!«
Das heißt konkret: Weil Kinder einen leichteren Zugang zu neuen Dingen haben, sollen alle materiellen Neuerungen möglichst immer in der Schule eingeführt werden, so dass die Kinder ein Verhältnis zu ihnen entwickeln und später auf das ganze Dorf übertragen. Bei bestimmten Dingen wird es sehr lange dauern. Aber irgendwann, so hoffe ich, wird es eine Generation geben, die selbstverständlicher mit bestimmten Neuerungen umgeht. So eine Vorgehensweise ist meiner Meinung nach auf lange Sicht die nachhaltigere.
Die folgenden Beispiele sollen verdeutlichen, was mit dieser Vorgehensweise gemeint ist.
Lesen und Schreiben
Wenn die Schüler lesen und schreiben lernen, kommt es
der ganzen Familie zu Gute.
Also auch wenn die Kinder nicht sehr weit in der Schule kommen,
werden die erlernten Fähigkeiten bei der Korrespondenz
mit den übrigen Familienangehörigen, die sich auf
der Suche nach besseren Erwerbsmöglichkeiten in den benachbarten
Ländern aufhalten, gebraucht. Schätzungsweise ein
Drittel aus meinem Dorf lebt entweder in der Elfenbeinküste,
in Ghana oder in den Großstädten meiner Heimat.
Laut einer wissenschaftlichen Veröffentlichung sind Kinder,
deren Mütter schreiben und lesen können, gesünder
als ihre Altersgenossen, deren Mütter Analphabeten sind.
Förderung der Ausbildung der Mädchen
Gelingt es einem Mädchen aus dem Dorf mittels der Schulbildung so weit zu kommen, dass sie zum Beispiel eine bezahlte Tätigkeit findet, dann ist die emanzipatorische Wirkung enorm. Solch eine Frau genießt plötzlich ein anderes Ansehen, sie kann sich selbst versorgen und bricht aus allen gesellschaftlichen Schranken, die ihr als Frau auferlegt waren. Viele Eltern aus dem Dorf werden dadurch motiviert, verstärkt ihre Mädchen einschulen zu lassen.
Gemüsegarten
Ein von den Schülern und Lehrern gut geführter Gemüsegarten
schafft nicht nur eine zusätzliche Nahrungsquelle und
Verantwortung. Die Schüler üben parallel zur Schulausbildung
weiterhin einen Teil der wichtigsten Erwerbsmöglichkeit
(Landwirtschaft und Gemüseanbau), die allen aus meinem
Dorf zur Verfügung steht. Es entsteht dadurch keine Fehlentwicklung;
die Kinder könnten später, wenn sie es mit der Schule
nicht weit bringen, problemlos das Bauern-Dasein weiterführen.
Die Schulbildung hat sie sozusagen nicht von ihren Eltern
und der Landwirtschaft entfernt, das Gegenteil ist eher der
Fall.
In der Schule erlernte neue oder verbesserte Anbaumethoden
können dann einfacher übernommen und zu Sicherung
des eigenen Lebensunterhalts eingesetzt werden.
Latrinen
Im Dorf Gando gibt es, wie in fast allen Dörfern Burkina
Fasos, keine Toiletten. Die Bedürfnisse werden einfach
im Freien verrichtet und werden dann in der Regenzeit in die
Flüsse gespült. Das führt zu einer enormen Zunahme
von Darm- und Magenerkrankungen. Daher sollen Latrinen, eine
Art angepasste Toiletten, eingeführt werden.
Die Latrinen sollen ebenfalls erst in der Schule für die
Schüler und die Lehrer zum Erproben und Überwachen
eingeführt werden, um dann im ganzen Dorf angenommen zu
werden.
Auch wenn die Alten nicht überzeugt werden,
ist doch davon auszugehen, dass die Schüler,
die die Vorzüge von Latrinen kennengelernt haben,
diese spätestens bei der Gründung eigener Familien übernehmen werden.
Frauenkooperative
Neben den Kindern meines Dorfes liegen ihre Mütter aufgrund
ihres unbeschreiblich schweren Alltages im Mittelpunkt meines
Interesses.
Obwohl die Frauen in meinem Dorf die Hauptlast der Familien
tragen, sind sie den Männern gegenüber benachteiligt.
Vorsichtiger ausgedrückt, ohne die Frauen in Afrika ginge
es dem ganzen Kontinent viel schlechter. Die Frauen sind es,
die durch Ihre Mühsal und ihren Erfindungsreichtum meist
das Überleben einer ganzen Sippe sichern, und darüber
hinaus finanzieren sie meistens die Schulbildung ihrer Kinder.
Und genau das ist der Grund, weshalb sie von dem Verein unterstützt
werden sollen.
Mit kleineren Geldsummen wird versucht, ihnen eine Erwerbsmöglichkeit
zu sichern.
Allerdings wird so vorgegangen, dass größere finanzielle
Unterstützungen nur gewährt werden, wenn eigene
Initiativen und finanzielle Beteiligung vorliegen.
Das gilt auch für die Unterstützung der Eltern bei
der Beschaffung von Schulmaterial.
Hier müssen die Eltern Verantwortung für ihren Nachwuchs
zeigen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Schulbildung im
Dorf bei Einstellung der Fremdunterstützung ruht. Das
wäre jedoch fatal für die Entwicklung des Dorfes.
Die Jugend
Bei allen baulichen Maßnahmen wurde und wird nicht nur so vorgegangen, dass wir moderne und traditionelle Bauweisen ins Verhältnis setzen, d. h. die Bevölkerung für die Vorteile traditioneller Baumaterialien (Kosten, Transport, Raumklima ...) zu sensibilisieren und Nachteile modischer Bauweisen aus Beton zu verdeutlichen.
Auch Geld und Know-how sollen ins Verhältnis gesetzt werden, d. h. ausgeklügelte konstruktive und bauphysikalische Lösungen zu finden, die sich mit größtenteils vor Ort umsonst vorzufindenden Rohstoffen umsetzen lassen. Das Wichtigste ist, dass wir großen Wert auf Ausbildung legen. Die arbeitswilligen Jungen werden jeweils nach Möglichkeit in den angewendeten Techniken geschult (Steine herstellen, Mauern, richtiger Umgang mit modernen Baustoffen wie zum Beispiel Zement).
Diese Vorgehensweise zielt darauf, eine Erwerbsmöglichkeit
für die Jugend zu schaffen. Dadurch soll die Abwanderung
gestoppt werden und somit ein erheblicher Beitrag zur Sicherung
der Zukunft des Dorfes geleistet werden.
Ermutigt durch die Erfahrungen der letzten Projektjahre wollen
immer mehr junge Menschen sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen,
um sich besser am Aufbau des Dorfes zu beteiligen.
Die gesamte Dorfgemeinschaft
Es soll ein nachahmbarer Entwicklungsansatz geboten werden.
So müssen die Bauten, z. B. die Lehrerwohnhäuser,
einerseits technisch so vereinfacht werden und andererseits
so preiswert wie möglich entwickelt, gestaltet und realisiert
werden, dass die Dorfgemeinschaft in der Lage ist,
die angewandten Techniken bei Bedarf auch für den Bau
ihrer eigenen Wohnhäuser einzusetzen.
Hierbei wollen wir wieder lokalen und preiswerten Baumaterialien
den Vorrang geben.
Nur wer an Entwicklungsprozessen beteiligt ist, kann auch die erzielten Ergebnisse entsprechend schätzen, weiterentwickeln und bewahren.
Um diese Ideen nach und nach umsetzen zu können, hat
Francis Kéré mit Hilfe von Freunden den Verein
»Schulbausteine für Gando e. V.« ins Leben
gerufen.
Der Verein hat sich zu Aufgabe gemacht, Entwicklungshilfe
für die Dorfgemeinschaft von Gando in Burkina Faso zu
leisten. Insbesondere sollen die Gebiete des Bildungs-, Aufklärungs-,
Gesundheits- und Ernährungswesens unterstützt werden.
Schulbausteine für Gando e.V.
